Lieblingsorte in SHANGHAI – Vergangenheit mit Zukunft

Shanghai, Eintrittskarten, Pinsel, Erinnerungen

Wer mit Achtsamkeit durch Shanghais Straßen geht, und offen für Alltagsszenen jenseits des Glitzerns und Leuchtens dieser Stadt ist, entdeckt Lieblingsorte, die vielleicht beim nächsten Mal schon nicht mehr da sind.

 

Für einige Stadtteile kommt der inzwischen „kontrollierte Modernisierungswahnsinn“ leider zu spät. Doch trotz des Verschwindens vieler Viertel besinnt sich die Stadt auf so manche Schätze seiner Vergangenheit und Traditionen. Daher ist der 4. und letzte Teil meiner Shanghai-Serie diesen Lieblingsorten und Alltagsszenen gewidmet. Ergänzt mit Buch- und Einkaufstipps, die garantiert nicht in Ihrem Reiseführer stehen.

 

Zài jiàn Shanghai – 再见 上海 – Auf Wiedersehen Shanghai, ganz bestimmt!

Es ist der vierte Tag in Shanghai. Die Eindrücke der bisher 9 erlebnisreichen Tage in China machen sich kräftemäßig etwas bemerkbar, auch wenn wir schon länger auf Ortszeit umgestellt sind.

Der Stapel mit Stadtplänen, Eintrittskarten, Broschüren sowie die Liste der Fotos für die geplanten Blog-Artikel über diese Reise wächst zusehends. Es sind mehr Erlebnisse und Eindrücke, als wir zunächst verarbeiten können.

Im Gegensatz zu Hong Kong ist die Temperatur hier angenehm. Der sich über Indonesien zusammenbrauende Taifun ist noch weit weg. Dies erleichtert die Entdeckungstouren in der Stadt. Also, weiter geht’s. Auch wenn ein Tag im „SPA“ des Hotels durchaus verlockend wäre – was ich jedem, als Verwöhn-  und Auszeit wenigstens ein Mal empfehle.

Heute suchen wir die Orte auf, die uns noch mehr zur „Vergangenheit und dem täglichen Leben Shanghais“ bringen. Lieblingsorte, die sich nicht so aufdrängen, und uns mit Mußestunden belohnen in all dem mitreißenden Tempo dieser Stadt.

Die Metro ist ein Segen für die Ausmaße dieser Stadt, doch ansonsten laufen wir gerne „oberirdisch“ von Viertel zu Viertel. Der Straßenverkehr ist jedoch in den meisten Vierteln gewöhnungsbedürftig. Rote und Grüne Ampeln haben zunächst „Vorschlagscharakter“.

An den großen Kreuzungen steht bei jedem Wetter „Traffic-Assistance“ – Mitarbeiter mit Trillerpfeifen, bei denen nicht so ganz klar ist, wofür sie wirklich eingesetzt sind. Die staatliche Überwachung benötigt Heerscharen von Menschen.

 

Überall befinden sich Kameras, kleine Häuser mit Überwachungsanlagen, Polizei und anderes Personal in Uniform. „Google“ funktioniert gar nicht, auch andere Webseiten sind in China nicht aufrufbar, weil zensiert.

 

Fortschritt ja, aber nur kontrolliert. Und für jeden Ortswechsel benötigt man eine „permit“. Ohne Hotelbuchungsnachweis kein Visum und auch keinen Ortswechsel innerhalb des Landes. Zugtickets gibt es auch nur in Verbindung mit einem Reisepass.

 

Alles ist in (kontrollierter) Bewegung – zigtausende Pendler, Fußgänger so dicht wie wir es in Deutschland nur von Stadtfesten oder vom „Public Viewing“ in Berlin her kennen,  sowie überfüllte Busse und Radfahrer, die sich ihren Weg zwischen dem „Stop and Go“  der Autos bahnen.

Doch es geht auch in einem anderen, gemächlicheren Tempo – ich nenne es „kontrollierte Tradition“. Denn trotz des Verschwindens vieler Viertel besinnt sich Shanghai auf viele Schätze seiner Vergangenheit und fängt an, diese zu erhalten.

 

Letztlich ist es dem Besucher Shanghais selbst überlassen, mit welcher Achtsamkeit er durch die Straßen geht und wie offen er für das ist, was abseits des Glitzerns und Leuchtens im täglichen Leben passiert.

 

Uns erwarten einige Diamanten in Form von Lieblingsorten, die erst auf den 2. Blick funkeln.  Diesen Orten sowie vielen wertvollen Buchempfehlungen und Einkaufstipps mit Bezug zu Shanghais Tradition und Vergangenheit  ist dieser 4. und letzteTeil meiner SHANGHAI-Eindrücke gewidmet:

 

SHANGHAIS LIEBLINGSSORTE – Vergangenheit mit Zukunft

 

1. PEOPLE’S PARK & PEOPLE’S SQUARE | Volkspark & Volksplatz  – 人民公园

 

Meine Liebe zu China wächst mit jedem Erlebnis. Die Chinesen sind freundlich und zugewandt – Ausnahmen gibt es in jedem Land.

 

Da mein Mann und ich groß sind und unsere westliche Herkunft unübersehbar, möchten viele Menschen mit uns fotografiert werden. Manchmal ergibt sich daraus eine paar Minuten Plauderei auf einer Bank, wie hier im PEOPLE’S PARK am Lotusblumenreich mit einer Mutter und Tochter, die jeden Tag hierher kommen und Deutschland mögen.

Natur pur – der People’s Park ist eine der grünen Lungen Shanghais, ähnlich dem Central Park in Manhattan. Die Hochhäuser rund um den Park sind durch die hohen Bäume kaum zu sehen – Grün wohin das Auge blickt.

 

Zur Konzessionszeit befand sich hier eine Pferderennbahn. Eine Facette des britischen Gesellschaftslebens, das auch Anhänger unter der nichtbritischen Gesellschaft fand, wie beispielsweise Victor Sassoon, der über 100 Rennpferde besaß!

 

Der Park wurde 2005 zuletzt umgestaltet und ist bereits in den führen Morgenstunden gut besucht: Mütter mit spielenden Kindern, scharenweise lachende alte Menschen, die meist über Brettspiele gebeugt sind oder Kartenspielen nachgehen. Es wird Tai-Chi gemacht, Büroangestellte im Anzug lesen Zeitung, Frauen haben ihre High-Heels ausgezogen, massieren ihre Füße und genießen die Ruhe auf einer Parkbank. Keine Frage, das sonst übliche Tempo der Stadt ist hier ein anderes.

Rund um den Park stehen zudem viele besuchenswerte Museen und Orte, die an die Geschichte dieser Stadt anknüpfen:

 

SHANGHAI MUSEUM |  Kunsthandwerk, Malerei, Kalligraphie und Möbel

MUSEUM OF CONTEMPORARY ART  – MOCA

SHANGHAI GRAND THEATRE | Erst 1998 eröffnet, es zählt zu den bedeutendsten Opern und Schauspielhäusern Chinas

SHANGHAI URBAN PLANNING EXHIBITION CENTER

 

2. YU GARDEN | 豫園 / 豫园

 

Der Yu Garden, nicht weit weg vom People’s Park, ist die großzügige Gartenanlage eines ehemaligen Privathauses von Pan Yunduan, entstanden in der Ming Dynastie. Ich lese überall, dass es einer der außergewöhnlichsten Gärten Südostchinas ist sowie einer der Gärten, der am besten das Leben um 1559 sowie die damalige Architektur und den Geschmack für bauliche und gärtnerische Schönheit wiedergibt.

 

Zweifellos ist der Yu Garden, ebenso wie der People’s Park, eine grüne Oase in dieser hektischen Stadt. Unzählige Plätze und Gartenhäuschen laden zum Verweilen ein. Wenn es nicht gerade Sonntag ist, finden Besucher dort Ruhe, Natur und eine Umgebung, die sie zurück zu ihren Wurzeln bringt.

 

YU GARDEN | 218 An Ren Street

Ohne Karte entpuppt sich der Garten schnell als Labyrinth, so groß und kreativ ist er mit seinen vielen „Räumen im Raum“ gestaltet. An jeder Ecke haben wir Lust danach zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Und so manches Mal heißt es „Kopf einziehen“ und gebückt durch eine Steinhöhle laufen.

Diese chinesische Besucherin ist eine der wenigen Frauen, die ich auf dieser Reise noch traditionelle Kleidung tragen sehe. Sie ist stolz darauf und freut sich, von mir und anderen Besuchern fotografiert zu werden.

3. LILONG QUARTIERE  弄堂  | Gassen und Gassenhäuser als Mikrokosmen

 

Die Gassen abseits der großen Straßen sind eine Welt für sich. Scheint die Sonne, wird die frische Wäsche auf langen Stangen getrocknet, die von einer Fassade zur anderen reichen. Die Gasse zwischen den Wohngebäuden ist wichtiger Lebensraum – nicht nur aus Platzgründen.

 

Fahrräder, Mopeds,  und herumliegende Werkzeuge, wohin man sieht. Die Bewohner sitzen um kleine Tische, es wird draußen gekocht, gegessen, geschwatzt, Wäsche gewaschen, gearbeitet, Mah-Jongg gespielt. An kaum einen anderem Ort als in diesen Gassen zeigt sich der Alltag der Chinesen auf so konzentrierte Weise Und menschliches Miteinander ist woanders kaum so ausgeprägt und offensichtlich wie hier.

Kurze Geschichte der LILONG-QUARTIERE

 

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Shanghai ein weltweit einzigartiger Wohnungsbau: die LILONG-QUARTIERE, in etwa vergleichbar mit englischen Arbeitersiedlungen. In restaurierter Form in XINTIANDI in der ehemaligen Französischen Konzession zu finden. Hierzu gleich mehr.
Die Lilong-Quartiere sind Wohnsiedlungen, die von hohen Mauern umgeben sind und sich aus hierarchisch ausgeklügelten Haupt- und Nebengassen formieren. „LI“ steht in China für eine Gemeinschaft von 25 Familien, „LONG“ ist die Bezeichung für dieses System von Haupt- und Nebengassen.
Hinein geht es von den großen Hauptstraßen durch ein Haupttor, am Torhäuschen vorbei. Das Tor war meist aus Stein, Shikumen“ genannt, was den Vierteln auch den Namen Shikumen-Lilong verlieh. Zunächst waren die aneinandergereihten Häuschen einer Familie zugedacht, doch die Wohnungsnot in den frühen 1850er Jahren führte dazu, dass mehrere Familien ein Reihenhäuschen bewohnten. Was liegt da näher, als auch die Gassen dazwischen für das tägliche Leben zu nutzen? Sanitäre Anlagen gab es meist nur im Torhäuschen.
Die Abgeschlossenheit mit nur einem Zugang bot Sicherheit, Zugehörigkeit, jedoch auch eine Möglichkeit, das Quarter zu kontrollieren. Bis 1870 wurden mehr als 9000 solcher, stets nach Süden ausgerichteter Häuser gebaut.
Mehr Einblicke in diese Wohnkultur, die bis heute beliebt ist und als Inspiration für viele Neuplanungen moderner Wohnsiedlungen dient, gibt das Wulixian Shikumen Open House Museum: Infos und Öffnungszeiten

4. XINTIANDI 上海新天地南里 |  Restauriertes Shikumen-Lilong

 

Xintiandi, ein ehemaliges Shikumen-Lilong,  ist heute ein autofreies Künstlerviertel mit kleinen Läden, Galerien, Restaurants, Cafés und trendigen Boutiquen. Es erinnert mich ein bisschen an Faneuil Hall Marketplace in Boston, wo ebenfalls ähnliche Läden in ursprünglichen, restaurierten Gebäuden untergebracht wurden, und Einheimische und Besucher zum Flanieren einladen. In Boston ohne einen ähnlichen Bezug zum privaten Wohnungsbau.

 

Wir nahmen uns eine Stunde Zeit dafür, doch das einzige, was ich anerkennen muss, ist die sensible Erhaltung bzw. Wiederherstellung des Viertels sowie der Auswahl an hochwertigen Restaurants und Cafés, die alle dazu beitragen, dass Xintiandi erhalten bleibt.

 

Es hat jedoch  nichts mit den Gassen zu tun, die meinen Entdeckergeist wecken und mir den Chinesischen Alltag der Gegenwart näher bringen. Ein Stück Vergangenheit jedoch schon.

5. EIN STÜCK SHANGHAI MITBRINGEN | Vom Tee zum Kaligraphiepinsel bis zur Perlenkette

 

Fernab der Fußgängerzone der Nanjing East Road, wo sich der Apple Store zwischen ebenfalls weltweit ansässige Markenstores reiht und kein Wunsch offen bleibt, gibt es zahlreiche Orte für ursprüngliche Handwerksarbeiten, für Traditionelles, wie Jade-Shops, Teeläden, Läden für Traditionelle Chinesische Medizin, Emaillekunst (Cloisonné), Perlenzüchter, Schnitzereien sowie Schneider, Cashmere-Webereien und Seidenläden und Läden für Daunenjacken und -mäntel. Aber auch alte Schwarzweißfotografien vom Shanghai der 1930er Jahre sind schöner Erinnerungen an den Aufenthalt in Shanghai.

Die Nanjing Road ist die Meile für Kommerz und Luxus. Schnuppern Sie dort Großstadtluft, lassen Sie sich begeistern von kreativer Schaufenstergestaltung sowie von der Eleganz der Damen Shanghais – deren Stilvorbild oft das von Coco Chanel ist.

 

Auf „Fakes“ möchte ich hier nicht näher eingehen – nur so viel: ich bin ein Freund echter Dinge, davon jedoch weniger. Ledertaschen sowie Kopien berühmter französischer Taschen sind in Shanghai qualitativ mit die schlechtesten der Welt. Man kann ihnen auf den Märkten kaum entrinnen, da sie alleine durch den kunstlederartigen Glanz schon dauernd ins Auge fallen. Gefälschte Uhren betrifft dies ebenso, zudem ist sowohl der Handel als auch der Erwerb zolltechnisch gesehen zweifelhaft, da hier Markenrechte und geschützte Designs verletzt werden. Ebenso sind Artikel und Tiere, bei deren Einfuhr gegen das internationale Artenschutzabkommen verstoßen wird, nicht erlaubt.

 

Es ist übrigens auch nicht ungewöhnlich, echte Markenartikel preiswert zu finden – etwas, „was quasi vom Laster gefallen ist“ – doch dafür muss man einen sehr guten Blick und etwas Glück haben. Tatsache ist, dass alle großen Designer und Marken der Welt hier bzw. in Guangzhou und Shenzhen fertigen lassen. Ganz besonders die Sportartikelhersteller.

 

Kaufen Sie Echtes, Originelles, Handwerkliches – aber gehen Sie nicht davon aus, dass Sie eine Antiquität erwerben, falls Ihnen eine angeboten wird. Handeln Sie, hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und zahlen Sie das, was Ihnen der Artikel subjektiv an Wert bedeutet.

 

Meine Empfehlung für echte Perlen | preiswert und von vielen Staatsoberhäuptern bereits empfohlen:

AMYLIN’S PEARLS & JEWELRY | Groß- und Einzelhandel  es wird weltweit verschickt

Han City Fashion & Accessories Plaza
580 Nanjing Road 3/F #30

LÄDEN MIT KÜNSTLERZUBEHÖR

 

Hier kann ich Stunden zubringen. Auch wer weder malt noch kalligraphische Ambitionen hat – Papier und Pinsel sind handwerkliche Mitbringsel mit großem Bezug zu China und sehr sehr dekorativ.

Papierbögen edel zu separaten Gebinden gepackt und  Pinsel, die jedes Künstlerherz höher schlagen lassen…

Pinsel über Pinsel – Kalligraphie-Liebhaber, wie ich, decken sich hier in Shanghai ein. Die meisten Läden für diese Artikel finden Sie in der Fuzhou Lu – (Road)

6. DONGTAI LU – MARKET  东台路  | Reise in Shanghais Vergangenheit

Oftmals „Charmanter Trödel“  genannt – nicht alles was alt ist, ist antik. Aber der Gang über den Markt ist wie eine Reise in die Kolonial- und Konzessionsphase von Shanghai. Ich wurde beim Anblick lederner Koffer an meine Kindheit erinnert.

Ich kaufte mir auf diesem Markt ein Mah-Jongg Spiel (links auf dem Foto), das wunderbar in unser „Chinesisches Zimmer“ zu Hause passt.

7. Reiseliteratur &  Webseiten | Einstimmung und Vorbereitung auf Shanghai

 

Neben den Standardwerken, von denen ich wegen der Schnelllebigkeit stets die aktuellste Ausgabe empfehle, damit Adressen noch Gültigkeit besitzen und Stadtviertel noch der Beschreibung entsprechen, empfehle ich weitere Informationsquellen unterschiedlichster Art:

 

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