Warum es sich lohnt, Ge“WOHN“heiten unter die Lupe zu nehmen

Warum es sich lohnt, Ge(wohn)heiten unter die Lupe zu nehmen

Für wie viele Tage des Jahres sind Sie eingerichtet? ``Na, für 365, was sonst?`` werden Sie jetzt antworten. Vielleicht sind Sie aber doch der 52er Typ?

Lesen Sie weiter, und wenn Sie am Ende des Artikels immer noch derselben Überzeugung sind, gratuliere ich Ihnen. Sie verstehen nicht nur zu wohnen, sondern auch zu leben…

 

Im Moment verwischen sich die Ge“wohn“heiten der Generationen, was das Grundverständnis vom Wohnen angeht. Zwischen zwei Extremen sind die Mischvarianten genauso zahlreich anzutreffen. Doch richtig glücklich ist fast keiner mit seiner Version – aber nur, weil kaum jemand  aus Ge“wohn“heit darüber nachdenkt…

 

Sie verstehen gerade nur Bahnhof?

 

Ok, dann erzähle ich Ihnen eine wahre Begebenheit:

Ich hatte einen Klassenkameraden. Seine Eltern hatten es beruflich geschafft, sie waren dort angekommen, wo sie sein wollten: Haus im noblen Vorort einer Großstadt, ein Sohn, der bald studieren würde, 2 Autos, Theater, Oper, Urlaube und viele andere gesellschaftliche Möglichkeiten, das Leben zu genießen und zu zeigen, wer man war und was man hat. Wer jetzt eine elegante, stilvoll gekleidete Frau vor Augen hat – die Mutter meines Kameraden – liegt genau richtig!

 

An einem der seltenen Nachmittage, als ich ihr Haus weiter als bis zur Diele betreten durfte, traute ich meinen Augen nicht. Die Dame des Hauses war soeben mit dem Putzen des riesigen Wohnzimmers fertig geworden. Sie zog sich just die Arbeitshandschuhe aus als sie mich begrüßte.

 

Bevor sie ihre Putzsachen in die Küche brachte, machte sie noch eine letzte kleine Handbewegung – sie stellte einen Messingständer mit samtroterer Kordel, den ich bis zu diesem Zeitpunkt nur im Schloss Neuschwanstein gesehen hatte, wieder an seinen Platz, sprich zwischen Ess- und Wohnzimmer.

 

Die dicke samtrote Kordel machte mir und jedem anderen unmissverständlich klar, dass das Zimmer tabu war.

 

Wo wurde denn dann gewohnt, wenn nicht im WOHNzimmer?  Die Antwort war denkbar einfach: es wurde nicht gewohnt, jedenfalls nicht so, wie ich es kannte. Man lebte eher von Besuch zu Besuch.

 

Dass das Jugendzimmer ebenso steril auszusehen hatte, ist an dieser Stelle selbstredend. Es dominierte eher ein unnatürlich gehemmtes Verhalten in Bezug auf Lässigkeit und Teenagergewohnheiten – eben seine Sachen auch mal in eine Ecke zu werfen – also war Wohnen auch in diesem Raum Fehlanzeige!

 

Nichts gegen Ordnung, ich liebe Ordnung – doch gerade heute habe ich eine schöne Umschreibung für etwas Unordnung gehört: Lebendigkeit

 

Also, dem Haus damals fehlte jegliche Lebendigkeit – den Bewohnern leider ebenfalls – sie waren eher Sklaven ihrer Einrichtung, die gepflegt aber selten benutzt wurde – und wo bitte fand das wohnliche Leben statt?

 

Auf Schonbezügen, in der Küche? Wo man so akkurat auf der Holzbank nebeneinander saß wie in einem Wartezimmer. Das waren dann eher die 52er Wohntypen – die nur an einem Wochentag wohnen, und zwar an dem, wo Besuch erwartet wurde.

 

Wer jetzt denkt, dass das für die heutige Zeit weit hergeholt ist, mag in einem Punkt recht haben: samtrote Kordeln, sei es auch nur virtuelle, gibt es für ganze Räume glücklicherweise immer weniger.  Aber samtrote, imaginäre Kordeln verhindern an vielen Stellen lässiges 365 Tage-Wohnen.

 

Aber auch ähnliche Verhaltensweisen, mit denen wir uns von Lebendigkeit und einem Bezug zur Gegenwart abschneiden, nämlich der einzigen Zeit die wir ganz bestimmt haben und genießen können, sind nicht selten und kommen gemeinerweise „verkleidet“ daher – und enttarnen sich beim genauen Hinsehen auch als die eben erwähnte samtrote Museums-Kordel.

Was oder wie sollte ein Zuhause nicht sein?

 

1) Sicher kein Museum mit gesperrten Bereichen
2) Keine Dependance einer Spedition, die sich auf Einlagerung spezialisiert hat
3) Kein Hotel, das Räume bereithält für Gäste, die nie kommen…

Was soll ein Zuhause dann sein?

Ganz sicher ein Ort, der allen Bewohnern gerecht wird, dessen Werte er spiegelt, der Rückzugsmöglichkeiten bietet, genauso wie Raum für die Aktivitäten, denen seine Bewohner dort gerne nachgehen. Am besten räumlich so möglich, dass der eine den anderen nicht stören kann.
Es muss schlicht gesagt Spass machen, nach Hause zu kommen. Was Sie sehen, muss Ihnen Freude machen, was Sie greifen können, sollte sich gut anfühlen und Ihnen auch gut tun.

Ok, wir kommen der Sache schon näher... womit blockieren wir uns dabei?

1) Betreten verboten!

Haben Sie Räume, die Sie sehr selten nutzen?
Esszimmer, Gästezimmer, einen Kellerraum mit einem vor sich hingammelnden Fitnessgerät?
Für wen halten Sie das Esszimmer vor, wenn Sie sich lieber in der Wohnküche sitzen? Für die Feier, bei der am Ende dann doch wieder alle in der Küche versammelt sind?
Ist Ihr Kind schon seit Jahren ausgezogen, ohne dass sich im Kinderzimmer etwas verändert hat?
Oder finden Sie es nervig, abends die Spielsachen Ihrer Kinder zurück ins Kinderzimmer zu tragen? Sie meinen aber, dass Kinderzimmer und Wohnzimmer strikt getrennt sein sollten und machen sich damit allabendlichen Stress.

DIE LÖSUNG

Raum schaffen, den wir erleben und nicht nur ansehen

 

Wie wäre die Vorstellung, Ihre Räume neu zu überdenken? Was ist mit dem Home Office, das Sie sich längst einrichten wollten, dem Yogaraum? Wäre ein separates Fernsehzimmer nicht idealer als den Fernseher weiterhin im Wohnzimmer stehen zu haben? Wollten Sie nicht längst auch ein geräumiges Ankleidezimmer?
Warum nicht auch in Bezug auf die Kinder etwas mehr Gelassenheit bekommen? Es gibt schöne Kindermöbel, zum Beispiel aus Korb, die Sie wunderbar zu den Möbeln der Großen im Wohnzimmer stellen können. Eine geräumige, dazu passende Truhe, bietet Platz für genau die Spielsachen, die Sie sonst abends immer wieder zurücktragen, und die die Kinder sowieso im Wohnzimmer nutzen, um 365 Tage! bei der Familie zu sein. Da machen scheinbar einige  Familienmitglieder intuitiv etwas richtig! 

2) Das ist für „Gut“!

Benutzen Sie noch die alten verwaschenen (Küchen)Handtücher, während die neuen schon im Schrank auf ihren stets aufs neue verschobenen Einsatz warten?
Kaufen Sie günstige Bettwäsche im Angebot im Möbelhaus, um die teurere aus Leinen noch weitere Jahre zu schonen, sie also nicht zu benutzen? Oder beziehen Sie Ihre Betten nur an Weihnachten damit?
Meine Großmutter war aus einer Generation, die gelernt hat, Gutes für den Sonntag aufzuheben und sich dann an schönen Dingen zu erfreuen: wie gute Kleidung, Silberbesteck und natürlich auch ein besonderes Sonntagsessen. Doch diese Zeiten sind (glücklicherweise) vorbei.

Tägliches Benutzen und Langlebigkeit schließen sich dank guter Wahlmöglichkeiten nicht mehr aus. Und am Ende ist Qualität meist die günstigere Variante und der minderwertigeren Option vorzuziehen.

DIE LÖSUNG

Sie sind es sich jeden Tag wert!
Je öfter Sie eine Sache nutzen, desto wichtiger ist, ob Sie sie wirklich mögen.
 
Denken Sie doch mal an die Schublade, die Sie am meisten öffnen: wie nervig und wenig aufbauend wäre es, wenn genau diese Schublade klemmt? Und wie wäre die Vorstellung, dass Sie sich auch noch nach Jahren daran freuen, sie zu öffnen?
Würden Holzeinlagen für Besteck zum Beispiel dafür sorgen, dass Sie eine ebensolche Schublade noch lieber öffnen? Wer jetzt auch gleich an Türklinken denkt, ist gedanklich schon auf der richtigen Spur.
Flauschige, griffige Handtücher, gutes Geschirr anstatt eins für den Alltag und eins für ??, schöne Gläser, frische Blumen auf dem Tisch. Die kleinen Dinge im Alltag haben erst recht einen Anspruch darauf, gerne benutzt und angefasst zu werden.
Was ist mit dem Service, das nur ein Mal pro Jahr benutzt wird? Wenn es nicht gerade Weihnachtsmotive hat, warum nicht ab in die Küche damit und täglich benutzen?

Gerade haptisch veranlagte Menschen brauchen das gute Gefühl beim Anfassen von Materialien wie die Luft zum Atmen.

3) Neuer Lagerraum gebraucht!

Die Firmen, die gegen Gebühr Raum zum Einlagern vermieten, wachsen wie Pilze aus dem Boden. Was mit den Sachen am Ende passiert, die dort eingelagert wurden, weil der Keller- oder der Dachboden schon längst nicht mehr reichte, weiß ich nicht.
Ein Trend, der aus den USA zu uns rüber geschwappt ist. Doch seit Jahrzehnten schon ist Shopping eine anerkannte Freizeitbeschäftigung. Und ohne Tüten aus einer Shoppingmall nach Hause zu kommen, gleicht beinahe einer erfolglosen Mission.
Weil wir schon alles haben, gibt es dauernd irgendeinen Anlass für einen SALE.  Verlockend, und auch deswegen wird sich weiteres Ansammeln erst dann ändern, wenn radikal umgedacht wird und wir einen SALE dazu nutzen, nur qualitativ hochwertige Dinge anzuschaffen wenn wir zeitgleich etwas anderes aussortieren.
Schon Dinge, die wir im Schrank aufbewahren, sie also wenig oder gar nicht zu Gesicht bekommen, laufen Gefahr, schlicht vergessen zu werden. Mit neuen Einkäufen ist das oft nicht anders, sobald sie im Schrank landen. Schade, denn die haben noch nicht mal die Chance 52 Sonntage im Jahr genutzt zu werden.

DIE LÖSUNG

BESTANDSAUFNAHME und LOSLASSEN oder WIEDERBELEBEN
Ein Begriff, den ich gerne auch mit meinen Kunden/Innen verwende. Wenn ich an einem Punkt starten möchte, muss ich zunächst genau diesen Punkt ansehen. Bestandsaufnahme machen und nach vorne blicken.
Manchmal kann man wahre Schätze bergen und dafür einen neuen Platz finden. Man entdeckt dabei auch solche, die man nicht mehr haben möchte und guten Gewissens verschenken kann. Gewonnener Platz und die Gewissheit, sich nur noch mit Dingen zu umgeben, die Ihr Zuhause und ihr dortiges Leben bereichern, ist das größte Geschenk bei der Aktion. Dass Sie dabei nicht zum Sklaven einer schönen aber unpraktischen, weil pflegeintensiven Einrichtung werden, versteht sich von selbst.

Am meisten bewundere ich die Menschen, die sich lässig mit allem umgeben, was Ihnen gut tut, und was Ihnen gefällt. Täglich wohlgemerkt.

Wo haben Sie Ihre samtroten Kordeln im Alltag versteckt?

MARTINA VELMEDEN

Als Interior Stylistin und Einrichtungsexpertin unterstütze ich meine KundInnen mit Konzepten und Entscheidungsvorlagen für die Gestaltung ihrer persönlichen Lebens(t)Räume.

Wie darf ich Sie unterstützen?

Ich freue mich auf Ihre Nachricht. Herzlich, Martina Velmeden

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